Ich bin wütend, wenn jemand im letzten Moment ein Meeting absagt, auf das ich mich aufwendig vorbereitet hatte.
Ich bin enttäuscht, wenn meine Teamleitung im Entwicklungsgespräch gar nicht anerkennt, dass ich mich die letzten Monate voll reingehängt habe.
Ich bin neidisch, wenn andere Teammitglieder scheinbar mühelos sowohl Arbeits- als auch Privattermine jonglieren und ich mal wieder eine After-Work Einladung absagen muss.
So viele Gefühle bei der Arbeit, jeden Tag. Und trotzdem unterdrücke ich die meisten, denn es gilt als unprofessionell im Arbeitskontext zu emotional zu sein (als Frau sowieso!).
Arbeit ohne Gefühle?
Nachdem lange Zeit in Familienbetrieben Arbeits- und Privatleben eng verzahnt waren, wurden im 20. Jahrhundert dann Logik, Effizienz und Objektivität zu Leitbildern moderner Organisationen. Rationalität wurde mit Professionalität gleichgesetzt und Gefühle gelten von nun an als Störfaktor. Doch alltägliche Situationen vor, während und nach der Arbeit lösen nunmal Gefühle aus (siehe oben) und sie lassen sich nicht abschalten.
Die Hirnforschung zeigt heute: Wir brauchen Gefühle bei der Arbeit. Ohne Gefühle können wir zwar logisch denken, aber nicht einmal einfachste Entscheidungen treffen.¹ Studien belegen sogar, dass Fachkräfte bessere Entscheidungen treffen, wenn sie ihr Bauchgefühl einbeziehen. ²
Arbeit in einer Gefühlsgemeinschaft
Teams und Organisationen bilden Gefühlsgemeinschaften, in denen unausgesprochen festgelegt wird, welche Emotionen erlaubt sind und welche besser unterdrückt werden. Positive sowie negative Gefühle können innerhalb von Gefühlsgemeinschaften auf andere übertragen werden und beeinflussen Motivation und Produktivität ganzer Teams.
Wenn wir also sowieso alle Gefühle im Arbeitskontext haben und sie auch unsere Arbeitswelt beeinflussen, dann lasst uns sie nicht tabuisieren, sondern ihnen Raum geben und sie nutzen!
Gefühle als wertvolle Information
Damit Gefühle im Team eine echte Ressource werden, braucht es einen sicheren Rahmen: Eine vertrauensvolle Kultur, in der alle ehrlich sein dürfen, ohne negative Konsequenzen zu fürchten. Eine solche Kultur kann gestärkt werden durch:
Führungskräfte, die vorleben, dass es in Ordnung ist, Unsicherheiten auszusprechen oder Frust zu benennen
klare Kommunikationsregeln, die darauf achten, dass wir Gefühle beschreiben statt vorschnell zu bewerten
kleine, wiederkehrende Rituale, die es im Alltag normalisieren über Gefühle zu sprechen. Zum Beispiel ein kurzer Check-in zu Beginn von Meetings oder ein bewusster Moment am Ende der Woche, um zu teilen, was uns Energie gegeben und was uns Kraft gekostet hat.
So entsteht Schritt für Schritt ein Raum, in dem Gefühle nicht stören, sondern Orientierung geben. Das kann helfen Verbindung und Vertrauen untereinander aufzubauen und die Kommunikation zu verbessern, denn wenn ich mehr darüber weiß, wie mein Gegenüber sich gerade fühlt, kann ich viel individueller mit ihm oder ihr sprechen ohne im Dunkeln zu tappen.
Veränderung beginnt bei mir
Ich für meinen Teil nehme mir vor mutiger zu sein. Ich möchte die Frage wie es mir geht nicht automatisch mit einem „gut“ abtun, sondern offen darüber erzählen, was mich gerade beschäftigt, auch wenn es Raum einnimmt und auch wenn es unsere Meetings verlängert. Ich möchte meine Wahrnehmung öfter teilen und dabei besonders darauf achten in der Ich-Perspektive zu sprechen. Ich möchte meine Gefühle als Hinweise verstehen, die ich deuten und konstruktiv verbalisieren kann.
¹ https://www.neuenarrative.de/magazin/mehr-gefuehle-auf-der-arbeit
² https://www.cam.ac.uk/research/news/gut-feelings-help-make-more-successful-financial-traders